Von Pandemien und vergessenen Problemen

Während die COVID-19-Pandemie die Welt beschäftigte, rückten andere globale Probleme in den Hintergrund. Neben den offensichtlichen psychosozialen und wirtschaftlichen Folgen mahnten Forschende, Themen wie den Klimawandel nicht aufzuschieben. Eine der größten weltweiten Gesundheitsbedrohungen des 21. Jahrhunderts geriet jedoch beinahe vollständig aus dem Blick: Antibiotikaresistenzen. Die Bakterien selbst machten währenddessen keineswegs eine Pause.

Antibiotikaresistente Bakterien als weiterhin bestehende globale Bedrohung

Antibiotikaresistenzen nehmen seit langer Zeit zu. Während immer mehr Medikamente ihre Wirkung verlieren, entstehen multiresistente Erreger, die bislang gut behandelbare Infektionskrankheiten wieder gefährlich machen können. Trotzdem verhielten wir uns zeitweise so, als würde die außergewöhnliche Situation auch die Evolution der Bakterien anhalten und uns erlauben, ein Problem nach dem anderen zu lösen.

Resistente Bakterien entwickeln sich auch während der COVID-19-Pandemie weiter

Nach Angaben des ECDC sterben in der Europäischen Union jedes Jahr rund 33.000 Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern. Die Jahre der COVID-19-Pandemie bildeten dabei keine Ausnahme.

Gleichzeitig wurden während der Pandemie vorsorglich besonders viele Antibiotika verschrieben. Wie wenig Aufmerksamkeit resistente Bakterien im Vergleich zu COVID-19 erhielten, zeigte sich auch in den damaligen Google-Suchtrends.

Vergleich des öffentlichen Interesses an COVID-19 und Antibiotikaresistenzen

Mehr Antibiotikaeinsatz bedeutet mehr Selektionsdruck

Der grundlegende Zusammenhang ist einfach: Je häufiger Antibiotika eingesetzt werden, desto stärker ist der Selektionsdruck auf Bakterien. Empfindliche Bakterien werden zurückgedrängt, während resistente Varianten überleben, sich vermehren und ihre Resistenzgene weitergeben können. Ein umfangreicherer Antibiotikaeinsatz kann deshalb die Entstehung und Ausbreitung multiresistenter Erreger beschleunigen.

COVID-19 und Antibiotikaresistenzen als miteinander verbundene Gesundheitskrisen

Die COVID-19-Pandemie verschärfte diese Situation. Zu Beginn gab es weder viel Erfahrung mit der neuen Erkrankung noch eine spezifische, zuverlässig wirksame Behandlung. Ärztinnen und Ärzte wollten zusätzliche Komplikationen vermeiden – etwa bakterielle Superinfektionen, bei denen Bakterien einen bereits durch die Virusinfektion geschwächten Organismus zusätzlich befallen.

Um solche Superinfektionen zu verhindern oder früh zu behandeln, wurden Antibiotika häufig vorsorglich eingesetzt. Eine damalige Untersuchung des Pew Charitable Trusts berichtete, dass 52 Prozent der in den USA wegen COVID-19 hospitalisierten Patientinnen und Patienten Antibiotika erhielten. In 36 Prozent dieser Fälle wurden mehrere Antibiotikatherapien verordnet, obwohl nur bei einem deutlich kleineren Anteil eine bakterielle Lungenentzündung festgestellt wurde.

Vorsorglicher Einsatz von Antibiotika bei COVID-19

Aus der Distanz lässt sich nicht beurteilen, welche einzelne Behandlung medizinisch notwendig war. Klar ist jedoch: Auch ein nachvollziehbarer Antibiotikaeinsatz kann langfristig zur Resistenzentwicklung beitragen. Deshalb sind eine sorgfältige Diagnostik und ein gezielter Einsatz besonders wichtig.

COVID-19 als neuer Mitspieler bei Antibiotikaresistenzen

Viele Resistenzen kommen natürlicherweise vor. Der übermäßige Einsatz antimikrobieller Wirkstoffe ist dennoch ein entscheidender Treiber für die Auswahl und Verbreitung resistenter Bakterien. Schon kurz nachdem Antibiotika erstmals gegen bakterielle Infektionen eingesetzt wurden, traten passende Abwehrmechanismen auf. Die WHO empfiehlt deshalb seit Langem, unnötige Antibiotikatherapien – insbesondere rein vorsorgliche Anwendungen – zu vermeiden.

Die Pandemie führte dazu, dass solche guten Vorsätze zumindest zeitweise in den Hintergrund rückten. Das war besonders zu Beginn teilweise verständlich, weil eine durch SARS-CoV-2 verursachte Lungenentzündung klinisch schwer von einer bakteriellen Infektion zu unterscheiden sein konnte. Evolutionäre Prozesse berücksichtigen unsere Gründe jedoch nicht: Jeder Einsatz eines Antibiotikums verändert den Selektionsdruck auf die vorhandenen Bakterien.

Antibiotikaeinsatz während der Pandemie erhöht den Selektionsdruck auf Bakterien

Das bedeutet nicht, dass unmittelbar ein sprunghafter Anstieg resistenter Bakterien sichtbar werden muss. Es bedeutet aber, dass ungezielte und unnötige Behandlungen uns einen weiteren Schritt in Richtung einer postantibiotischen Ära bringen können.

Die postantibiotische Ära

Die gute Nachricht zuerst: Die COVID-19-Pandemie allein führt uns sehr wahrscheinlich nicht direkt in eine postantibiotische Ära und sie ist auch nicht deren Hauptursache. Unser Umgang mit Antibiotika während dieser schwierigen Zeit kann das globale Resistenzproblem jedoch verstärkt haben – besonders dann, wenn ähnliche Behandlungsstrategien in vielen Ländern angewandt wurden.

Eine postantibiotische Ära ist kein Ort, an dem wir ankommen wollen: Heute leicht behandelbare bakterielle Infektionen könnten wieder lebensbedrohlich werden. Die Pandemie hat eindrücklich gezeigt, wie schnell langfristige Vorsätze in einer akuten Krise aufgegeben werden. Damit wurde COVID-19 möglicherweise zu einem weiteren Mitspieler im Kampf gegen antibiotikaresistente Bakterien – und sehr wahrscheinlich nicht zu unserem Verbündeten.

Langfristige Folgen des Antibiotikaeinsatzes während der COVID-19-Pandemie